Die Kamera und ich – Teil 2

April 15, 2019 Jill Carstens Über Fotografie Jill Carstens 0 comments
Hey, ihr Lieben!
Vor zwei Wochen habe ich den ersten Teil meines Lebenswegs mit euch geteilt. Ich wollte euch erzählen, wie ich überhaupt zur Fotografie gekommen bin, was ich gelernt habe und wo. Und was soll ich sagen, Leute: Eure Reaktionen auf meine Geschichte, die waren der Hammer! So viel „Moin!“ aus dem Norden, so viele liebe Grüße aus dem Süden – ich hab mich wahnsinnig gefreut, von euch allen zu hören und zu lesen! Und wenn ich mir die Kommentare und lieben Nachrichten anschaue, die mich seitdem erreicht haben, dann scheine ich ja in echt guter Gesellschaft zu sein: Viele von euch hat das Leben einmal quer durch Deutschland geführt.
Heute möchte ich euch den zweiten Teil meiner Geschichte erzählen: Den, in dem es mich in den Süden der Bundesrepublik verschlägt …

Wie Familienbande das Nordlicht in den Süden ziehen

Zuallererst muss ich mal ganz kurz festhalten, dass der Weg von Sylt nach Sonnenbühl für mich gar nicht so weit war wie ihr jetzt vielleicht denkt: Ich habe hier nämlich entfernte Verwandte. 2009 haben wir dann groß angelegtes Familientreffen organisiert und bei dieser Feier habe ich den in Süddeutschland lebenden Teil meiner Familie zum ersten Mal bewusst kennengelernt. Da war sofort eine Verbindung da. Meine Familie ist mir insgesamt extrem wichtig – fragt nur mal meine Schwester Jonne, die es inzwischen auch auf die Alb verschlagen hat! Und mit den Sonnenbühlern hat es einfach sofort geklickt. Sie haben mich zu sich eingeladen und ich hab auch gleich Ende September meinen Koffer gepackt und bin runtergeflogen. Das waren meine ersten zwei Wochen auf der Schwäbischen Alb – ein Urlaub bei der Familie, der mir total gut gefallen hat.
Ich hab mich damals auf den allerersten Blick in die Landschaft verliebt. Ich meine, wenn man das mal vergleicht: Ich war den Norden gewohnt, Küste, Dünen und das Watt. Im Kontrast dazu war die Alb im Spätsommer ein echt exotisches Erlebnis. Die dichten Wälder, das Laub, das sich langsam bunt zu färben beginnt … das ist ein Schauspiel, das mich bis heute jedes Jahr auf ein Neues raus lockt. Als ich also zum ersten Mal im Süden war, da fasste ich den Beschluss, gleich im Januar wiederzukommen, mindestens für einen ganzen Monat. Ich wollte schauen, ob ich während dieser Zeit nicht hier im Süden ein Praktikum machen konnte. Reisen, meine Familie sehen und mich gleichzeitig weiterbilden. Das war echt ein Rundum-glücklich-Paket für mich.

Hier bleib ich!“

Genau so hat es dann auch geklappt: Ich habe einen Praktikumsplatz bekommen und kam Januar bis Anfang Februar wieder nach Sonnenbühl. Da stellte ich fest, dass es mir hier immer noch sehr gut gefiel. Also war es doch nicht nur das entspannte Urlaubsgefühl, das den Gedanken „hier möchte ich mehr Zeit verbringen!“ ausgelöst hatte. Das war irgendetwas … Stärkeres. Und wie das Leben so spielt, hatte da auch nicht nur der Verstand ein Wörtchen mitzureden, sondern auch das Herz. Während meiner Zeit hier im Süden hatte ich schließlich einen Mann kennengelernt, der mir mächtig den Kopf verdreht hatte. „Also“, sagte ich mir, „das passt doch alles ganz prima! Noch ein Grund, hier zu bleiben.“
2010 war deshalb das Jahr, in dem ich meinen Koffer nicht nur für ein paar Wochen gepackt habe. Ich bin mit Sack und Pack, mit Kamera und Stativ nach Sonnenbühl gezogen. Arbeit habe ich in einem Studio in Reutlingen gefunden. Für vier Wochen sollte es aber erst einmal nach Sylt in mein altes Studio zurückgehen – als Vertretung, damit die Chefs dort mal Urlaub machen konnten. Wieder mit der Kamera von Hochzeit zu Ferienwohnung zu Restaurant zu gehen, machte mir auch großen Spaß. Bis zu dem Punkt, an dem bei mir ein Aneurysma festgestellt wurde.

Leben ist, was passiert, während Jill eigentlich andere Pläne schmiedet

Für alle von euch, die von diesem Thema bisher verschont geblieben sind: Ein Aneurysma ist eine krankhafte Erweiterung einer Schlagader. Wenn die platzt, ist das in rund 80% aller Fälle tödlich. Und das wäre es auch bei mir fast gewesen. Das war, wenn ich so drüber nachdenke, eine echt krasse Zeit. Vor allem wenn ich überlege, dass ich trotz all dem, was da passiert ist, gerade einmal vier, viereinhalb Wochen im Krankenhaus lag. Kaum dass ich in die Reha durfte, kam ich wieder in den Süden zurück. Eigentlich hätte ich im Anschluss einen Job gehabt – in dem Studio in Reutlingen. Aber nach dem ganzen Trubel war ich noch lange nicht wieder auf den Beinen. Die Wiedereingliederung lief langsam – und war dann einfach erst einmal zu viel für mich. Ja, ich bin ein kleines Stehaufmännchen. Aber wenn ich eben erst dem Tod von der Schippe gesprungen bin, dann bin auch ich ein bisschen aus der Puste.
Also war es erst einmal nichts mit Arbeit im Studio. Ich war zuhause und … oh, Leute. War mir vielleicht langweilig! Nicht, dass ich mich nicht entspannen und mal gepflegt Urlaub machen kann. Aber mehrere Wochen zuhause, ganz ohne irgendetwas zu tun? Kein Mensch kann so oft staubsaugen und den Kühlschrank putzen, dass das nicht irgendwann schrecklich öde wird.

Wie sich die Selbstständigkeit in mein Leben schlich und beschloss zu bleiben

Wie ich so zuhause war und nach Möglichkeiten suchte, etwas Produktives zu unternehmen, ohne gleich so viel zu tun, dass ich dabei umkippe, fiel mir auf, dass wir ja einen Raum frei hatten. Ein Schelm, wer jetzt „Mini-Foto-Studio!“ denkt, nicht wahr? Also hab ich angefangen, da ein paar Pass- und Bewerbungsbilder zu machen. Der Schritt in die Selbstständigkeit war für mich kein großer, entschlossener Sprung, sondern ein langsames Anpirschen. Hier ein Passbild. Da ein Bewerbungsfoto. Nach und nach all meine Sachen in diesem Raum organisieren, das wichtigste Equipment zusammenkaufen und dann den ganzen Papierkram vom Finanzamt holen. „Nur mal so, nur zum Schauen …“ Und zack: Gewerbe angemeldet.
Was eigentlich mehr als Beschäftigungstherapie für Jill in Reha angefangen hatte, wuchs sich dann schnell zum vollständigen Gewerbe aus. Ich fing an, ein bisschen Werbung zu machen, und es sprach sich herum, dass es in Sonnenbühl-Willmandingen ein neues Foto-Studio gab. Mein Geschäft kam ins Laufen. Ein kleiner Raum war innerhalb kürzester Zeit nicht mehr genug. Also packte ich all meine Foto-Ausrüstung und zog damit in die Einliegerwohnung um. Und auch wenn der Weg, der mich dorthin geführt hatte, nicht der war, den ich mir gewünscht hätte: Das passte einfach. Ich hatte mein erstes eigenes Studio – ich war jetzt meine eigene Chefin und konnte in einer Geschwindigkeit arbeiten, die für meine Gesundheit okay war. Endlich konnte ich mich wieder hinter den Sucher klemmen und das tun, was mir Spaß macht.

Auf zu neuen Abenteuern!

Inzwischen bin ich sieben Jahre selbstständig. Sieben Jahre, in denen viel passiert ist. So ein Geschäft wächst und konsolodiert sich. Die Liebe kommt und geht. Erst Anfang dieses Jahres ist – wie ihr ja sicher gesehen habt – mein Studio aus den alten Räumen in ein neues Gebäude umgezogen. Und ich arbeite auch nicht mehr solo: inzwischen unterstützt mich Judith.
Nein, das Aneurysma hätte ich wirklich nicht gebraucht. Aber ob ich mich ohne diesen Einschnitt so schnell getraut hätte, mich selbstständig zu machen? Ob ich all die tollen Leute kennengelernt hätte, all die lieben Kunden, die treuen Geschäftspartner und den Handels- und Gewerbeverein Sonnenbühl e.V., dessen 1. Vorsitz ich letztes Jahr übernommen habe? Ob ich meinen heißgeliebten Dackel Oskar einfach mit zur Arbeit nehmen könnte, wenn ich heute noch Angestellte in einem Studio wäre?
Wenn ich ehrlich bin, habe ich keine Ahnung.
Was ich weiß, ist aber, dass es mir da, wo ich jetzt bin, sehr gut gefällt.
Ja, das Aneurysma war ein heftiger Schlag.
Nein, ich kann immer noch nicht so arbeiten, wie ich gerne möchte. Ich brauche viele, viele Pausen und bin daher manchmal auch nicht zu den üblichen Öffnungszeiten im Studio anzutreffen – weil ich einfach einen Gang runterschalten muss.
Aber ich kann ehrlich sagen, dass ich all diese Veränderungen für mich angenommen habe.
Das ist mein Weg – und ich glaube fest daran, dass er genau so verlaufen musste, um mich an den Punkt zu bringen, an dem ich jetzt stehe.
Und das ist doch die Hauptsache, oder?
Damit schließt meine Geschichte. Oder eher: Sie schließt zum Hier und Jetzt auf. Das war mein bisheriger Weg, erst zur Kamera, dann zum eigenen Studio. Von der Küste auf die Insel und von dort aus auf die Schwäbische Alb. Mein Werdegang als Fotografin, als Wahl-Schwäbin und als Unternehmerin.

Zu erzählen gäbe es natürlich noch viel mehr. Schließlich passieren ständig so viele aufregende Sachen, dass ich mich echt zusammenreißen muss, um diesen Blog-Post hier zum Abschluss zu bringen. Deshalb kann ich euch versichern: Da kommt auch noch die eine oder andere Geschichte auf euch zu! 🙂

Aber jetzt erstmal weg von mir und hin zu euch: Viele von euch haben mir geschrieben, dass es auch sie von der Küste auf die Alb verschlagen hat – oder umgekehrt. Wie lief das bei euch? Wie seid ihr dort gelandet, wo ihr jetzt seid – und welche Schicksalsschläge haben euch, wenn ihr so im Nachhinein daran zurückdenkt, auf einen eigentlich guten Weg gebracht?
Ich würde mich sehr freuen, in den Kommentaren und auch auf Facebook von euch zu lesen.
Bleibt gesund, munter und vor allem mit Spaß bei dem, was ihr gut und gern macht!
Eure Jill

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